• Joe Laschet

Die Krawatte

Aktualisiert: Jan 26

Die Krawatte ist ein Stück Stoff mit spannender Geschichte und einem wilden Evolutionsverlauf. Laut einer Legende fand sie ihren Ursprung im Jahre 1663. Während einer Militärparade in Frankreich soll ein kroatisches Regiment ein Halstuch getragen haben, was die Aufmerksamkeit des Königs Ludwig XIV auf sich zog. Der dekadente Sonnenkönig, der modisch immer auf dem aktuellsten Stand war, etablierte dann die "Cravate", die sich von Kroate ableitet, innerhalb des Adels. Soviel zur Legende. Historiker sehen in dem Aufkommen des Halstuchs allerdings einen anderen Ursprung. So hat man das Halstuch, welches zweimal um den Hals gelegt und mit einem Knoten versehen wurde, auch vorher bereits bei vielen anderen militärischen Uniformen sehen können. So lässt sich zwar über die genaue Herkunft streiten, aber der Grundstein für das schönste Accessoire wurde zumindest irgendwann in der Militärsmode gelegt. Der typische Langbinder etablierte sich allerdings erst nach 1860 im gemeinen Volk und veränderte sich nun stetig in Form, Länge, Ausführung und Design.


Photo Credit - Hannah Aspropoulos


Die Krawatte als Chamäleon der Accessoires : In den 50er und 60er Jahren war die Krawatte äußerst schmal. Ein gutes Beispiel für die Trage-Art und das Design lässt sich in der Serie Mad Men (falls ihr die nicht kennt- unbedingt anschauen!) wiederfinden. Der Protagonist Don Draper trägt sie spartanisch – unifarben, schmal, einfach und mit einem kleinen Knoten. Die bunte Disko-Ära der 70er und 80er distanziert sich komplett von diesem Stil und will mit einer überdimensionalen Krawattenbreite und mit wilden Mustern und Farben, die eher an einen bunten LSD-Trip erinnern, „modisch“ glänzen. Seit den 90er Jahren veränderte sich der Schnitt der Krawatte regelmäßig von breit zu schmal, von farbig mit Mustern, bis hin zu schlankem Minimalismus.

Heutzutage hat die Krawatte wieder eine symmetrische und klassische Form von 7-8 cm Breite angenommen und den Slim-Hype der letzten 10 Jahre überwunden. Gleichzeitig muss ich mit Herzschmerz feststellen, dass dieses Accessoire es noch nie so schwer gehabt hat wie heutzutage. Sie verschwindet mehr und mehr und wurde sogar stellenweise in modisch konservativen Chefetagen von Firmen und Kanzleien zu einer missachteten Minderheit degradiert.

Im Zeitalter von Google, Facebook und Start-Ups wird individuelle Freiheit großgeschrieben und die Krawatte hat als „Dress-Code-Schlinge“ und „Kapitalismus-Stempel“ hier ein schlechtes Image. Seit der Finanzkrise 2008 scheint man mit ihr skrupellose Banker, Manager und Anwälte zu verbinden, die ein gieriges System geschaffen haben, um den einfachen Mann auszusaugen. In den Firmen wurde ein langjähriger Dresscode mehr und mehr als lästige Verpflichtung empfunden und der Weg zum Open-Collar war geebnet. Die Krawatte wurde entfremdet und es wurde vergessen, was sie ursprünglich war und wofür sie stand: Ein buntes und gemustertes Stück gefalteter Stoff, das die eigene Individualität unterstreicht und mit der ein Anzug-Look aufgewertet werden sollte. Sie steht weder für Macht, Status, Geld oder irgendein System. Sie ist ein buntes Accessoire, dass dem Träger und anderen Menschen Freude bereiten soll und das für ein Stück Geschichte und Handwerkskunst steht. Sollte man dennoch die Krawatte als Statement und Statussymbol verwenden wollen, dann kann man das selbstverständlich auch tun. Das ist das Schöne an diesem Accessoire. Der Kommunist kann ein rotes Exemplar mit Hammer und Sichel tragen, der Grüne kann eins mit bunten Blumen oder dem Schriftzug „Atomkraft, Nein Danke“ wählen. In der Welt der Krawatten gibt es so gut wie alles. Während eingefleischte Fans wie ich die Krawatte anziehen, weil wir es lieben, eine bunte Note in den Anzug-Look zu bringen und italienische Tuchproduktion und Faltkunst feiern, können andere sie aus anderen Gründen tragen. Deswegen nochmal mein Credo: Die Krawatte ist etwas Schönes und ist keineswegs eine Dresscode-Schlinge, wie viele meinen.

Außerdem ist sie ein angemessenes Mittel, um Respekt, Ehre und Anerkennung zu zeigen – du bist es mir wert, mich besonders aufzuputzen. Sei es vor dem eigenen Kunden, in einem hohen Hause wie dem Bundestag oder einem Gericht oder einfach nur wenn man zu Gast bei Freunden ist. Wenn Sie das nächstes mal jemanden zum Dinner bei sich daheim einladen und diese Person trägt eine Krawatte, dann werden Sie sich über diese Geste freuen. Der Gast zeigt somit auch Anerkennung, dass er sich gerne für Sie schick macht und Ihre Einladung schätzt.


Nun ein wenig mehr zum Krawattentragen: Neben den Schuhen ist es die einfachste Möglichkeit, die eigene Individualität in einem Outfit auszudrücken. Dieses Accessoire hat so viele Elemente die wichtig sind und auf die man beim Kauf und beim Tragen achten sollte:

Der Stoff, der Schnitt, die Faltung, das Muster und der Knoten. Diese Punkte sind alle essenziell für dieses vielfältige Modestück, das Männer aus der ganzen Welt schon seit über 100 Jahren tragen und hoffentlich auch noch die nächsten 100 Jahre tragen werden.

Vor allem das Zusammenspiel von Kragenart und Krawattenknoten beherrschen viele nicht. So sieht man oft einen einfachen oder doppelten Windsorknoten auf einen sehr kleinen Kentkragen, was zu einer Asymmetrie im Gesamtbild führt. Ich empfehle daher den Windsor nur in Kombination mit einem Haifisch - oder klassischen Kragen zu tragen.


Four-In-Hand mit Dimple auf Haifisch UND Windsorknoten auf Kentkragen

Mein persönlicher Favorit unter den Knots ist der einfache Four-In-Hand mit Dimple oder der Prince-Albert-Knot. Diese Variationen bilden einen eher kleineren Knoten, der auf so gut wie jeden Hemdenkragen getragen werden kann.

Ein weitverbreiteter Irrglaube ist, dass wer Krawatte und Einstecktuch aus demselben Stoff und Muster wählt, besonders stilsicher und elegant agiert. Vorsicht! Das kommt in gewissen Kreisen der Modesünde der weißen-Socken-in-Sandalen gefährlich nahe 😉. Zu einer gestreiften Krawatte tragen Sie bitte niemals ein gestreiftes Einstecktuch. Hier wählt man ein komplett anderes Muster und einen anderen Stoff.


Be Creative and extravagant!

Bei der Auswahl des Musters dürfen Sie sich austoben - Hauptsache Sie fühlen sich wohl. Von kleinen Tier-Applikationen bis hin zu bunten Paisleywelten, alles ist erlaubt! Sogar renommierte Ausstatter wie beispielsweise Hermés, wagen sich mit Farben und Mustern weit nach vorne. Achten Sie nur nach wie vor darauf, dass das Pocketsquare nicht identisch ist. Und falls Sie Zweifel haben bei der Auswahl, dann greifen Sie einfach zum

klassisch, weißen Einstecktuch. Das geht immer!

Ein Letzteres zum Tragekomfort einer Krawatte. Sehr oft höre ich von Männern, die den Schlips eigentlich nur auf Hochzeiten anziehen, dass das Tragen unbequem ist und zwickt. Diesen Kandidaten sage ich dann gerne: „Wie wäre es, wenn du dir ein neues Hemd zulegst, bei dem die Kragenweite stimmt?“ Meistens ist genau das das Problem. Die Open-Collar-Kultur hat dazu geführt, dass man schon bei der Auswahl des Hemds versagt. Wenn das Hemd am Hals passt und bequem an alle Stellen des Körpers sitzt, dann trägt man auch gerne eine Krawatte und das Argument „unbequeme Halsschlinge“ wird obsolet. Und wieder hier mein Ratschlag: Maßkonfektion!






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